Das Esbat-Ritual
Wenden wir uns nun dem Esbat zu. Vieles, was nun folgt, wird dir bekannt vorkommen, weil du es bereits beim allgemeinen Ritual kennen gelernt hast. Denke daran: Wenn du einen dieser Schritte nicht ganz verstehst, ist das kein Grund zur Sorge. Ich komme in diesem Buch immer wieder darauf zurück.
1. Altarweihe. Hier geht es um die Reinigung und Weihe der Dinge, die du auf den Altar stellst und deren Energien sich symbolisch vermischen und einen Brennpunkt der Kraft darstellen.
2. Der heilige Ort. Du trägst die vier Elemente (Erde, Luft, Feuer und Wasser) gegen den Uhrzeigersinn im Kreis durch den Raum (oder über einen Platz im Freien), um ihn vor der Arbeit zu reinigen. Dabei kannst du still um Segen bitten.
3. Der magische Kreis. Du schreitest einen Kreis ab, um einen unsichtbaren Ring aus Energie zu schaffen, der dich oder die Gruppe schützt. Auch dabei kannst du mit Versen oder freien Worten um göttlichen Segen bitten. Hexen benutzen verschiedene Bewegungsformen, um einen magischen Kreis zu bilden.
4. Die Himmelsrichtungen. Du gehst nach Norden, Osten, Süden und Westen, bleibst kurz stehen, rufst die Energien der Elemente in den Kreis und bittest um Segen. Unter den Hexen und Hexenzirkeln gibt es unterschiedliche Vorstellungen von der Bedeutung der Elemente.
5. Den Mond herabholen. Du nimmst die Energie des Mondes in dich auf. Das geschieht meist schweigend, denn es ist schwierig, sich darauf zu konzentrieren, wenn man spricht. Viele Hexen gehen an ein Fenster, durch das sie den Mond sehen können. Die Energie des Mondes ist die Energie der Göttin (obwohl der Mond in manchen Kulturen ein Symbol des Gottes und die Sonne ein Symbol der Göttin ist). Wenn du die Energie des Mondes herbeirufst, lädst du also die Energie der Göttin ein, zu einem Teil deines Selbst zu werden. Wenn du allein arbeitest, ziehst du den Mond in dich hinein. In der Gruppe holt meist die Hohepriesterin den Mond herab, aber auch die ganze Gruppe kann diese Aufgabe übernehmen.
6. Magische Arbeit. Jetzt bereitest du dich auf magische Sprüche vor, und Gruppen spielen Mythen nach. Wenn die Gruppe beides plant, kommt die magische Arbeit am Schluss.
7. Energie bündeln. Du konzentrierst dich auf deinen Wunsch. Dabei helfen dir Singen, Trommeln, Klatschen, Summen, Atmen und so weiter. Jede Hexe und jede Gruppe hat ihre eigenen Methoden. Manche Gruppen bündeln die Energie auch vor der Evokation, um die Harmonie in der Gruppe zu fördern.
8. Meditation. Du denkst still darüber nach, was dieses Ritual für dich bedeutet oder was du damit erreichen willst. Das Thema der Meditation wählst du selbst oder die Gruppe.
9. Kommunion. Du dankst der Göttin für ihre Gaben, indem du gesegnetes Brot isst und Fruchtsaft trinkst. Die Kommunion hilft dir auch beim Erden nach dem Bündeln der Energie, weil Brot Kohlenhydrate enthält. Die Kommunion fördert auch die Harmonie in der Gruppe. Nachdem du einen Bissen gegessen hast, reichst du das Brot deiner Nachbarin und sagst: „Ich wünsche, dass du niemals hungern musst.“ Nach einem Schluck vom Saft sagst du: „Ich wünsche, dass du niemals Durst leidest.“ Das ist ein Segen, der Fülle bringen soll. Die Kommunion ist ein sehr feierlicher Teil des Esbats oder Sabbats.
10. Danken. Du bedankst dich für den Segen und bittest die Energie des Gottes und der Göttin, den Ort zu verlassen. Die meisten Hexen äußern diese Bitte aber erst, wenn das Ritual es verlangt.
11. Die Energie der Elemente loslassen. Du schickst die Energie der vier Himmelsrichtungen und der ihnen zugeordneten Elemente weg (siehe dazu Nr. 4).
12. Den Kreis aufheben. Du gehst gegen den Uhrzeigersinn durch den Raum oder über den Platz, um den magischen Kreis (siehe Nr. 3) zu entfernen. Die Energie, die sich im Kreis angesammelt hat, leitest du in den Altar, in deine Werkzeuge, in eine Kerze und so weiter. Ein heiliger Ort wird in der Regel nicht aufgehoben.
13. Feiern. Das Festessen hilft dir beim Erden deiner Energie und vertieft ebenfalls die Gruppenharmonie. Natürlich ist es immer ratsam, frische, gesunde Nahrung zu essen. Wenn das Ritual vor dem Mahl gefeiert wird, ist dieses die Hauptmahlzeit des Tages. Findet das Ritual spät am Abend statt, gilt das Essen als zusätzliches Mahl. Manche Wicca-Gruppen heben den magischen Kreis erst nach dem Festessen auf, um die Harmonie in der Gruppe zu erhalten. In diesem Fall ist die Zeitdauer des Essens jedoch begrenzt, weil meist einige Mitglieder früher gehen müssen als andere.
14. Aufräumen. Alle Mitglieder der Gruppe sollten helfen, den Versammlungsplatz zu säubern. Dabei erfahren neue Mitglieder, dass Abfälle negative Energie ausstrahlen und daher beseitigt werden müssen.
Hast du die Unterschiede zwischen dem allgemeinen und dem Esbat-Ritual bemerkt? Das letztere hat mehr Phasen, weil die Hexen auch meditieren und eine Kommunion abhalten.
Was machen Hexen eigentlich an Esbat, wenn sie nicht nackt herumlaufen, Drogen nehmen, mit dem Teufel liebäugeln und böse Zaubersprüche von sich geben? Diese Frage ist üblich. Kein Esbat sieht wie der andere aus, und du kannst mir glauben, dass ich an Hunderten teilgenommen habe. Meist feiern die Hexen ein Ritual, um den Geist zu ehren, und die magische Arbeit kommt hinzu. Sie konzentrieren sich auf die unterschiedlichsten Themen, zum Beispiel Heilung, Beruf, Beziehungen, Erfolg oder Schutz für sich und andere. An manchen Ritualen dürfen nur Mitglieder teilnehmen, andere stehen jedem offen. Es gibt auch offene Hexenzirkel, die sich mit Heilung befassen und zu denen alle Menschen eingeladen sind, unabhängig von ihrer Religion.
Warum gibt es auch geschlossene Veranstaltungen? Soll das etwa heißen, dass dort etwas Böses geschieht, von dem niemand erfahren soll? Leider muss ich deine Phantasie wieder einmal dämpfen. Bei solchen Veranstaltungen steht einfach der Gruppengeist im Vordergrund. Es dauert Monate, um den Gruppengeist zu stärken, denn alle sollen sich mögen und einander vertrauen. Hexen arbeiten in vollkommener Liebe und vollkommenem Vertrauen zusammen. Sie dürfen Hass, Eifersucht oder Wut nicht in einen magischen Kreis mitnehmen. Wenn eine Hexe wütend auf eine andere ist, muss sie entweder außerhalb des Kreises bleiben oder ihren Ärger beiseite schieben, solange sie im Kreis ist.
Wie du bereits weißt, feierten die Hexen den Esbat früher einmal im Monat bei Vollmond (also alle 28 Tage), weil der Einfluss des Mondes auf die Erde dann am stärksten ist. Bei Vollmond nehmen wir Kontakt mit der Göttin auf, deren Symbol der Mond ist. Sabbate symbolisieren dagegen die Bewegung der Sonne und den Zyklus der Jahreszeiten. Die Sonne ist das Sinnbild unserer Vorstellung von Gott. In sehr alten Wicca-Traditionen symbolisierte die Sonne die Göttin und der Mond den Gott. Wie dem auch sei, diese Himmelskörper sind für unseren Glauben wichtig und wir betrachten sie als Manifestationen des Geistes. Auch Hexen sind der Meinung, dass alle Dinge von Gott kommen.
An einem Esbat versuchen Hexen, sich selbst und anderen Menschen zu helfen. Meist stehen wir dabei in einem Kreis und sitzen nicht auf Stühlen oder Bänken wie in der Kirche. Unsere Zeremonien sind aktiv und alle haben etwas zu tun.
Zunächst muss eine Hexe jedoch entscheiden, worauf sie sich am Esbat konzentrieren will – zum Beispiel auf die stärkende Energie der Göttin oder auf magische Arbeit. Im letzteren Fall überlegt sie, welche Werkzeuge sie braucht und welche Ziele sie verfolgen soll. Auch die Korrespondenzen sind wichtig. Die Hexe nimmt an diesem Tag, möglichst kurz vor der Esbat-Feier, ein rituelles Bad, das der äußeren und inneren Reinigung dient. Ich bevorzuge die Dusche. Viele Hexen meditieren während des Bades über den Geist.
Bevor der Esbat offiziell beginnt, schafft eine Hexe – meist die Leiterin der Gruppe – einen heiligen Ort, weiht den Altar und schreitet den magischen Kreis ab. In diesem Buch gehe ich nicht auf die Arbeit mit Werkzeugen ein. Wir setzen das ein, was unsere Urahnen benutzten: die Hände. Für junge Leute ist es schwierig genug, mit ihrer skeptischen Familie klarzukommen. Wenn du ein großes Messer mit nach Hause bringst (das Messer, das wir nur für Rituale nehmen) und deiner Mutter erklärst, dass du damit einen magischen Kreis ziehen willst, bekommt sie einen Anfall. Außerdem benutzen auch manche fortgeschrittenen Hexen keine Werkzeuge, weil sie keine brauchen. Trotzdem sind die Werkzeuge, die wir verwenden, heilig. Wenn du mehr über Wicca lernst, erfährst du auch mehr über diese Werkzeuge, von denen jedes seine spezielle Bedeutung hat und für deine künftige Ausbildung wichtig ist.
Zurück zum magischen Kreis. Ich habe auf meinen Reisen viele Methoden kennen gelernt, um einen magischen Kreis zu ziehen. Manche Hexen gehen dreimal durchs Zimmer oder über einen Platz im Freien und sprechen ganz bestimmte Worte; andere gehen nur einmal herum oder schreiten den Kreis mit einer Partnerin ab. Du kannst den Kreis auch zusammen mit deinem Schutzengel ziehen. Der magische Kreis schützt dich vor negativer Energie und hält positive fest, bis du sie freigibst.
Junge Leute feiern Esbat
Nehmen wir an, vier Jugendliche – Annette, Julia, Tom und Georg – wollen Esbat feiern. Was tun sie zuerst? Sie besprechen, was sie an diesem Tag erreichen wollen. Soll es um Heilung, Geld, gute Beziehungen mit anderen oder um alles zusammen gehen? Natürlich genügt es auch, einfach die Göttin zu verehren. Wenn sie irgendwelche Utensilien brauchen, sollte ein Teilnehmer dafür verantwortlich sein und ein zweiter sollte bei Bedarf für ihn einspringen. Eine gute Regel in unserer Gruppe lautet: Rechne immer damit, dass etwas nicht klappt. Die vier einigen sich darauf, dass alles, was sie brauchen, schon am Dienstag zu Annette gebracht wird, obwohl das Ritual erst für Freitag geplant ist. Niemand braucht also in letzter Minute loszurennen, um etwas zu holen. Georg bringt die Kerzen für den Altar mit. Julia hat einen feuerfesten großen Topf und Teekerzen. Tom will Kerzen in den Farben der vier Himmelsrichtungen besorgen: Grün für den Norden, Gelb für den Osten, Rot für den Süden und Blau für den Westen. Die vier legen noch einmal fest, an welchem Tag, zu welcher Zeit und an welchem Ort sie das Ritual abhalten wollen, damit jeder genau Bescheid weiß (Tom hört manchmal nicht richtig zu und ist hinterher beleidigt, wenn er etwas verpasst).
Allerdings gibt es ein kleines Problem. Die Gruppe hat sich zwar darauf geeinigt, die Göttin zu ehren und sich mit ihrer Energie zu stärken, aber die vier sind sich nicht darüber einig, welche Art von Magie sie praktizieren sollen. Julia schlägt vor, die Göttin um Hilfe zu bitten und einen Kessel mit einer Teekerze aufzustellen. Dann kann jeder von ihnen einen persönlichen Wunsch hineinlegen und es spielt keine Rolle, wenn die Wünsche unterschiedlich sind. Eine ausgezeichnete Idee, Julia – du bekommst zwei Hexenpunkte!
Was bringen die vier zum Essen mit? Warum ist das Essen überhaupt wichtig? Weil Kohlenhydrate uns erden. Die jungen Leute müssen auch festlegen, wer den Fruchtsaft und den Kuchen für die Kommunion mitbringt. Annette erklärt sich dazu bereit, denn sie ist ein Ass in der Küche und möchte Kekse in Form von kleinen Monden backen. Georg will eine Pizza mitbringen, Julia besorgt Sodawasser, Chips und Dips. Tom verspricht, eine Schüssel gemischten Salat und eine Soße mitzubringen. Niemand kommt mit leeren Händen zum Esbat, und ich kann dir versichern, dass es nicht reicht, wenn du nur mit einer Tüte Chips aufkreuzt. Das wäre unfair gegenüber den anderen, die viel Zeit und Arbeit opfern.
Der Esbat naht, und zum Glück sind alle rechtzeitig da. Die vier dürfen einen Kellerraum benutzen, den Annettes Eltern ausgebaut haben. Die Eltern respektieren ihre Rituale, so dass keine Störungen zu befürchten sind. Annette hat die Möbel ein wenig verschoben und die Mitte des großen Raumes frei gemacht. Dort steht jetzt ein runder Kaffeetisch, auf den Annette einen großen, flachen Stein gelegt hat, damit tropfendes Wachs oder Funken vom Kessel kein Feuer entzünden können.
Die anderen helfen Annette. Georg stellt die vier bunten Kerzen an den richtigen Platz und achtet darauf, dass die Kerzenhalter feuerfest sind, dass niemand sie versehentlich umstoßen kann und dass keine brennbaren Stoffe über den Flammen hängen. Tom stellt das Essen auf ein Tischchen in einer Ecke des Raumes. Julia arrangiert den Kuchen auf einem silbernen Tablett neben einem silbernen Kelch. Sie stellt das Tablett unter den Altar, ebenso die Flasche mit dem Fruchtsaft. Annette richtet den Altar her und stellt die Kerzen für die Beleuchtung auf. Die Schale mit dem Salz kommt in den Norden, der Weihrauch in den Osten, die Feuer-Kerze in den Süden und die Schale mit Wasser in den Westen. Mitten auf den Altar stellt sie einen Kessel. Julia stellt das Öl auf die rechte Seite des Altars und legt das Buch der Schatten (mit dem Ritual, das sie für diesen Abend geschrieben hat) auf die linke Seite. Tom holt die Trommeln und Rasseln aus einer Holzkiste in der Ecke des Kellers und legt sie in die Nähe des Altars. Zum Schluss nimmt Annette die Zettel mit den Bitten und legt sie auf den Altar.
In kleinen Gruppen ist es am besten, wenn alle sich die anfallende Arbeit teilen und auf Titel verzichten. (Hexenzirkel haben einen Tempeldiener und eine Tempeldienerin, die den Hohepriester und die Hohepriesterin unterstützen.)
Jetzt weiht Julia den heiligen Ort, und alle stellen sich auf ihren Platz: Julia im Norden, Tom im Osten, Georg im Süden und Annette im Westen. Sie wechseln die Positionen häufig (aber nicht während des Rituals), damit sie die Energie jeder Himmelsrichtung in sich aufnehmen und mit ihr umgehen lernen.
Während Julia den heiligen Ort weiht, stehen die anderen ruhig da und denken über das Ritual des Abends nach. Sobald Julia fertig ist, weiht Annette den Altar (siehe dazu auch Seite 70–75).
Dann tritt Georg nach vorne und holt das Öl. Er geht damit im Uhrzeigersinn herum und tupft jedem ein wenig Öl auf die Stirn (nimm dafür kein Zimtöl – es brennt!). Dabei sagt er:
Im Namen des Gottes und der Göttin,
sei gereinigt und erneuert.
Möge alles Böse vor dir fliehen und
der Segen des Gottes und der Göttin in dir und auf dir ruhen.
So soll es sein!
Wer gesegnet wird, antwortet darauf:
So soll es sein!
Georg stellt das Öl zurück auf den Altar und geht auf seinen Platz im Kreis zurück. Nun wird Annette den magischen Kreis ziehen. Die anderen treten einen Schritt vor, damit Annette sich frei bewegen kann.
Annette steht in der Mitte des Zimmers, holt tief Luft und entspannt sich. Wenn ihr das schwer fällt, stellt sie sich vor, sie sei ein Baum, dessen Wurzeln tief in Mutter Erde reichen. Dann hebt sie den Kopf, lächelt, holt wieder tief Luft und schreitet den Kreis dreimal im Uhrzeigersinn ab. Dabei streckt sie den nach unten gekrümmten Zeigefinger aus und sagt:
Du großer, mächtiger Kreis,
sei meine Grenze zwischen der Welt der Menschen
und den mächtigen Geistern,
ein Treffpunkt der Liebe, der Freude, des Friedens.
Halte die Kraft fest, die ich bündle in dir.
Ich rufe die Engel des Nordens und Ostens,
des Südens und Westens:
Helft mir dabei im Namen des Gottes und der Göttin.
Sei meine Grenze, du großer, mächtiger Kreis!
Dann klopft Annette mit der Hand auf den Boden und sagt:
Der Kreis ist geschlossen.
Wenn Julia, Tom und Georg sich in der Zwischenzeit in einem anderen Raum aufhielten, würde Annette den Kreis mit den Händen teilen wie einen Vorhang und die anderen hereinlassen. Hexen nennen das „Öffnen der Tür“. Du brauchst keine Tür zu öffnen, wenn du allein arbeitest oder wenn die Teilnehmer ohnehin innerhalb des Kreises stehen. Wenn jemand durch den Kreis geht, ohne eine Tür zu öffnen, nimmt die Energie im Kreis ab. Wir haben aber zwei Ausnahmen: Kinder und Tiere dürfen ungehindert hin und her gehen, weil Geist sie sehr liebt. Wer einen magischen Kreis betritt, sollte es im Uhrzeigersinn tun, weil die Gegenrichtung die Energie ebenfalls schwächt.
Wenn Annette für andere Leute die Tür öffnen müsste, würde sie die Gäste anlächeln, ihnen mit etwas Öl einen Stern auf die Stirn tupfen und die gleichen Worte sagen wie Georg vorhin. Sie braucht nur hinzuzufügen: „Willkommen in unserem Kreis.“ Wenn der letzte Gast im Kreis ist, schließt Annette ihn wieder.
Wie beim Grundritual, das ich vorhin beschrieben habe, ruft die Hohepriesterin auch am Esbat die Himmelsrichtungen an, wenn der Hexenzirkel sich versammelt hat. Das bedeutet, dass die Teilnehmer durch Worte oder Gesten den Energien ihrer Wahl den Weg öffnen, so dass sie in den Kreis fließen und die magische Arbeit schützen. In diesem Buch arbeiten wir nur mit den Engeln und Elementen; aber Hexen rufen auch Devas, Totemtiere und andere positive Energien herbei. Unsere vier rufen jeweils eine Himmelsrichtung an, aber sie dürfen den Energien auf keinen Fall Befehle erteilen. Hexen gehen mit den Energien, die sie um Hilfe bitten, immer höflich um.
Julia steht im Norden und darum beginnt sie mit der Anrufung. Georg, Annette und Tom stellen sich auf ihre Plätze, wenden sich aber nach Norden. Julia, die der Mitte des Kreises den Rücken zuwendet, verschränkt die Arme, holt tief Luft und entspannt sich, bevor sie sagt:
Seid gegrüßt, Geister des Nordens, Mächte der Erde.
Bleibt bei uns heute Nacht.
Dann öffnet sie langsam die Arme, als wolle sie einen Vorhang öffnen, und fügt hinzu:
Bringt eure Kraft, eure Fülle und eure Standhaftigkeit
mit in den Kreis.
Bitte seid Zeugen des Rituals und behütet unsern heiligen Ort.
So soll es sein!
Annette, Georg und Tom sagen im Chor:
So soll es sein!
Tom, der im Osten steht, schaut ebenfalls aus dem Kreis hinaus. Julia, Annette und Georg wenden sich jetzt dem Osten zu. Mit den gleichen Handbewegungen sagt Tom:
Seid gegrüßt, Geister des Ostens, Mächte der Luft.
Bringt uns eure Klugheit, eure Weisheit
und eure positiven Gedanken.
Bitte seid Zeugen des Rituals und behütet unseren heiligen Ort.
So soll es sein!
Julia, Annette und Georg bekräftigen:
So soll es sein!
Annette steht im Süden. Sie blickt aus dem Kreis hinaus, während die anderen drei sich dem Süden zuwenden. Mit den gleichen Handbewegungen sagt Annette:
Seid gegrüßt, Geister des Südens, Mächte des Feuers.
Bringt uns euren Mut, eure Begeisterung und eure Kreativität. Bitte seid Zeugen des Rituals und behütet unseren heiligen Ort.
So soll es sein!
Das Echo der anderen drei folgt:
So soll es sein!
Georg schaut nach Westen aus dem Kreis hinaus und die anderen wenden sich dem Westen zu. Georg sagt:
Seid gegrüßt, Geister des Westens, Mächte des Wassers.
Bringt uns Transformation, Liebe und Freude.
Bitte seid Zeugen des Rituals und behütet unseren heiligen Ort.
So soll es sein!
Die anderen wiederholen im Chor:
So soll es sein!
Hexen rufen die Himmelsrichtungen auf verschiedene Weise an. Das hier ist nur ein Beispiel, das dir zeigen soll, wie man es machen kann. Denke immer daran, dass jeder, der eine Himmelsrichtung anruft, zu dieser Himmelsrichtung wird. Wenn du das Wasser anrufst, musst du das Wasser spüren und vor dem geistigen Auge sehen und du musst die Verwandlung, die Freude und die Liebe spüren, die du herbeigerufen hast. Viele Hexen – auch ich – arbeiten oft allein. Wir ziehen den Kreis, schreiten ihn im Uhrzeigersinn ab und rufen jede Himmelsrichtung an.
Was kommt jetzt? Manche Hexen singen ein Lied, um den Gruppengeist zu stärken. Lieder, Sprechgesang oder Trommeln sorgen für Harmonie unter den Teilnehmern (oder zwischen dir und deinem höheren Selbst). Da unsere vier jungen Leute Esbat feiern, wählen sie diesen Sprechgesang: „Mond, Mond, Mutter Mond; Mond, Mond, Mutter Mond.“ Sie fangen leise an und werden dann immer lauter, bis sie spüren, dass die Energie im Kreis zugenommen hat.
Dann ruft meist jemand den Gott und die Göttin in den Kreis. Hier sind es Annette und Tom. Hexen nennen das Invokation, weil sie den Gott und die Göttin einladen, der Zeremonie beizuwohnen. Natürlich kann auch diese Einladung viele verschiedene Formen annehmen.
Wenn du allein arbeitest, streckst du die Arme aus, spreizt die Beine ein wenig und bittest den Gott und die Göttin, den Kreis zu betreten. Hexen, die mit spiritueller Energie vertraut sind, können den Gott und die Göttin auch in sich aufnehmen. In unserem Beispiel rufen Annette und Tom gemeinsam. Annette legt die rechte Hand auf Toms Herz, und Tom legt die rechte Hand auf Annettes Herz. Dann legt Annette die linke Hand auf Toms rechte Hand, und Tom legt die linke Hand auf Annettes rechte Hand. Wenn du es ausprobierst, ist es einfacher, als es klingt. Jetzt bitten die beiden den Gott und die Göttin in den Kreis.
Danach wenden sich alle dem Mond zu (da sie im Keller sind, drehen sie sich in die Richtung des Mondes), strecken die Arme in die Höhe und bitten die Göttin, sie mit ihrer liebenden Energie zu erfüllen. Falls Annette und Tom die Göttin und den Gott in sich selbst aufgenommen haben, geht es so weiter: Annette stellt sich der Reihe nach vor die anderen und hält die Hände mit der Handfläche nach unten über den Kopf ihrer Freunde. Dann bewegt sie die Hände nach unten und hält über den Schultern inne. Jetzt hat sie ihnen die gesegnete Energie des weiblichen Geistes geschenkt. Wenn sie fertig ist, tut Tom das Gleiche mit der Energie des männlichen Geistes. Hexen nennen diesen Ritus „den Mond herunterholen“ oder „den Geist invozieren“. Du kannst den Mond auch mit Wicca-Werkzeugen herunterholen. An einem der schönsten Esbats, die ich je erlebt habe, holten alle Teilnehmer den Mond mit einer langstieligen Rose herab.
Jetzt geht die Esbat-Feier erst richtig los! Der nächste Schritt ist die magische Arbeit. Wenn du Esbat allein feierst, kannst du zum Beispiel Talismane, Amulette oder Knoten machen, Kräuter zubereiten und so weiter. Das geschieht auch in den Gruppen. Allerdings muss man dabei den Zeitfaktor berücksichtigen. Wenn jeder Teilnehmer ein paar Worte spricht oder eine Bitte äußert, dann eine Kerze anzündet und sie in den Kessel stellt, braucht er dafür etwa drei Minuten. Wenn vier Personen versammelt sind, wären es fast fünfzehn Minuten, und bei großen Gruppen – o Schreck! Gruppen sollten daher alles möglichst einfach gestalten, sonst sind sie die ganze Nacht beschäftigt. Kleine Gruppen haben natürlich mehr Spielraum für magische Arbeiten, und wenn du allein bist, steht dir eine Menge Zeit zur Verfügung. Aus diesem Grund erledigen die meisten Hexen ihre magische Arbeit an Esbats, die sie allein feiern.
Unsere Teenager hatten ja Zettel mit ihren Bitten auf den Altar gelegt. Jetzt gehen sie einzeln (im Uhrzeigersinn!) an den Altar, holen ihren Zettel und kehren auf ihren Platz im Kreis zurück. Dann machen sie sich vor dem geistigen Auge ein Bild von ihrem Wunsch.
Annette tritt vor den Altar und sagt:
Es gibt nur eine Macht:
den Gott und die Göttin.
Ich rufe die Energie des Universums herbei,
damit unsere Bitten Wirklichkeit werden.
Unser Leben ist ein Leben in Fülle,
und alles, was wir brauchen,
haben wir.
Jetzt ist es Zeit, die Energie zu bündeln. Dafür gibt es, wie gesagt, mehrere Methoden: Singen, Tanzen, Meditation, Sprechgesang und so weiter. Da Annette in einer Wicca-Familie lebt, dürfen sie und ihre Freunde Lärm machen. Die vier treten einzeln vor, nehmen eine Trommel oder Rassel, werfen ihren Zettel in den Kessel und gehen zurück auf ihren Platz. Annette fängt an und die anderen tun es ihr nach. Sie trommeln und rasseln, solange sie wollen. Als sie sich zum ersten Mal trafen, dauerte der Spaß zu lange, weil sie mit den Instrumenten nicht vertraut waren. Jetzt sind sie schon recht gut, und eine halbe Stunde genügt ihnen. Wer den Einsatz gibt, fängt meist langsam an und trommelt allmählich immer schneller. Die Freunde konzentrieren sich auf die Energie im Kreis und lassen sie im Uhrzeigersinn herumwirbeln, und dabei sehen sie vor dem geistigen Auge so klar wie möglich, wie ihre Bitte erfüllt wird. Natürlich kann die Gruppe beim nächsten Mal ein anderes Instrument benutzen. Wenn das Trommeln aufhört, tritt Annette vor und verbrennt das Papier. Dabei sagt sie:
Die Flamme verzehrt das Papier, doch die Worte bleiben.
Feuer zerstört und Feuer erschafft.
Flieg mit den Worten zum Himmel, feuriger Vogel,
und kehre mit Taten zurück.
So soll es sein!
Die Gruppe fügt hinzu:
So soll es sein!
Nun lachen alle und sind fröhlich. Das Bündeln der Energie im Kreis endet oft im Gelächter, das übrigens auch magische Kraft hat! Lachen beschleunigt die Energie und löst negative Energie auf. Um die Wogen wieder zu glätten, atmen die jungen Leute ein paar Mal tief ein und aus oder meditieren und denken an das erfolgreiche Ritual.
Danach sind sie bereit für die Kommunion. Das ist nicht nur in der Kirche eine feierliche Zeremonie, sondern auch im magischen Kreis. In großen Gruppen holt der Tempeldiener den Kuchen und die Tempeldienerin den Kelch und den Fruchtsaft. Dann reichen sie beides dem Hohepriester und der Hohepriesterin. Im kleineren Rahmen sind wir nicht so förmlich.
Da Annette und Tom den Gott und die Göttin eingeladen haben, spielen sie nun die Hauptrolle. Tom holt den Kelch, lässt sich auf ein Knie nieder und reicht Annette das Gefäß. Sie hält die Hände über den Kelch (die Handflächen zeigen nach unten) und sagt:
Vom Mond zur Erde,
von der Erde zu den Wurzeln,
von den Wurzeln zur Rebe,
von der Rebe zur Beere,
von der Beere zum Saft –
möge der Gott und möge die Göttin
den Inhalt des Kelches segnen und weihen.
So soll es sein!*
Die anderen wiederholen:
So soll es sein!
Annette lässt die Hände über dem Kelch und stellt sich ein weißes Licht vor, das ihn einhüllt und durchdringt. Tom steht auf und Anne gießt den Saft aus dem Kelch in Papptassen. Sie reicht jedem eine Tasse und sagt dabei:
Du sollst niemals Durst leiden.
Der oder die Angesprochene antwortet:
Auch du sollst niemals Durst leiden.
Nun geht Annette zurück zum Altar und holt das Tablett mit den Keksen. Sie sinkt vor Tom auf ein Knie. Tom hält die Hände über die Kekse und sagt:
Von der Sonne zur Erde,
von der Erde zu den Wurzeln,
von den Wurzeln zum Stiel,
vom Stiel zum Korn,
vom Korn zum Kuchen –
möge der Gott und möge die Göttin
segnen und weihen, was vor mir liegt.
So soll es sein!
Die anderen bekräftigen:
So soll es sein!
Tom hält die Hände weiterhin über das Tablett und stellt sich weißes Licht vor, das den Kuchen einhüllt und in ihn eindringt. Annette erhebt sich, und Tom gibt den anderen jeweils einen Kuchen und sagt:
Du sollst niemals Hunger leiden.
Der oder die Angesprochene erwidert:
Auch du sollst niemals Hunger leiden.
Tom kehrt an den Altar zurück und stellt das Tablett ab. Das Ritual ist fast vorbei und bald beginnt das Festessen. Annette und Tom danken dem Gott und der Göttin mit eigenen Worten, dann heben sie langsam die Hände, um die göttlichen Energien freizugeben, die sie herbeigerufen haben. Wenn sie wollen, können sie sich dabei die Hände halten.
Jetzt gehen die Freunde wieder auf ihre ursprünglichen Plätze im Kreis. Georg, der im Westen steht, gibt die dort gebündelte Energie zuerst frei, weil die Energie des Westens zuletzt gerufen wurde. Er wendet sich mit geöffneten Armen der Außenseite des Kreises zu und auch die anderen drehen sich nach Westen.
Nun schließt er langsam die Arme und verschränkt sie. Dabei sagt er:
Geister des Westens, Mächte des Wassers,
seid bedankt für euren Besuch heute Abend.
Geht, wenn ihr müsst, bleibt, wenn ihr wollt.
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Die Gruppe ruft im Chor:
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Jetzt wendet Julia sich dem Süden zu und auch die anderen drehen sich in diese Richtung. Langsam schließt sie die geöffneten Arme und sagt dabei:
Geister des Südens, Mächte des Feuers,
seid bedankt für euren Besuch heute Abend.
Geht, wenn ihr müsst, bleibt, wenn ihr wollt.
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Die anderen bekräftigen:
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Nun wendet Tom sich mit geöffneten Armen dem Osten zu. Er schließt die Arme langsam und sagt:
Geister des Ostens, Mächte der Luft,
seid bedankt für euren Besuch heute Abend.
Geht, wenn ihr müsst, bleibt, wenn ihr wollt.
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Und die Gruppe stimmt zu:
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Annette wendet sich mit geöffneten Armen dem Norden zu. Sie schließt die Arme langsam und sagt dabei:
Geister des Nordens, Mächte der Erde,
seid bedankt für euren Besuch heute Abend.
Geht, wenn ihr müsst, bleibt, wenn ihr wollt.
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Erneut bekräftigen die anderen:
Seid gegrüßt und lebt wohl!
Annette tritt vor. Da sie den Kreis gezogen hat, hebt sie ihn auch auf. Sie streckt die rechte Hand aus – der Zeigefinger ist nach unten gekrümmt –, schreitet den Kreis gegen den Uhrzeigersinn ab und stellt sich vor, wie die angesammelte Energie in ihre Hand fließt. Danach lässt sie diese Energie in den Altar, in die Werkzeuge oder in den Boden strömen. Dann klopft sie mit der Hand auf den Boden oder stampft mit dem Fuß auf und sagt:
Der Kreis ist offen, doch nicht gebrochen.
Die Gruppe ergänzt:
Wir sind die Menschen, wir sind die Macht
und wir sind der Wandel!
Wir treffen uns froh und trennen uns froh,
bis wir uns wiedersehen!
So soll es sein!
Lachend und plaudernd setzen die vier sich zum Festessen hin.
In anderen Büchern findest du wesentlich kompliziertere Rituale. Hier lernst du nur die Grundlagen und lässt dann deiner Phantasie freien Lauf. In manchen Wicca-Traditionen sind Esbat- und Sabbat-Rituale choreographisch geplant und alles folgt strengen, schriftlich niedergelegten Regeln.