Der Altar
Die meisten Hexen stellen einen Altar an ihren heiligen Ort. Der Altar gehört Gott und symbolisiert daher Macht. Die Hexe bündelt ihre Energie oft auf dem Altar oder in seiner Nähe. Jedes Mal, wenn sie an den Altar geht, erinnert er sie an Gott. Dein Altar kann ein Nachttisch, eine Kommode, ein kleiner Tisch und sogar ein Baumstumpf sein. Wenn du mit der Hexenkunst beginnst, ist es unwichtig, woraus dein Altar besteht. Wichtig ist nur, dass du ihn hast und was du damit machst.
Meine Töchter und Söhne und die erwachsenen Hexen der Familie benutzen flache Steine als Altäre. Wir legen diese Steine auf Tische oder auf den Boden. Du kannst deinen Altar nach einer Zeremonie so lassen, wie er ist, oder ihn abräumen, wenn er jemanden stört. Falls du ein Möbelstück als Altar benutzt, räumst du ihn ab, wenn du ihn nicht mehr brauchst. Hexen, die Mitglied einer traditionellen Gruppe sind, verwenden auf dem Altar Utensilien, die der Gruppe gehören: Symbole der vier Elemente, einen Stab, einen Kelch und andere Dinge. Aber als Anfängerin brauchst du dich nicht näher damit zu befassen. Du lernst während deiner Ausbildung mehr darüber. Jetzt ist es mir wichtiger, dass du dich positiv entwickelst, und dazu brauchst du keine Wicca-Utensilien, jedenfalls nicht gleich.
Hexen, die allein arbeiten, brauchen die traditionellen Gruppenregeln nicht zu befolgen, und darum entwerfen die meisten ihren Altar selbst. Was steht auf einem Altar? Viele Hexen stellen Statuen des Gottes und der Göttin darauf oder ein Bild, das für sie Gott symbolisiert. Oft nehmen wir ein Symbol für jedes Element, Kerzen, damit wir etwas sehen, und Dinge, die uns etwas bedeuten. Aber wir bemühen uns auch, den Altar nicht zu überladen, und darum haben wir an unserem heiligen Ort auch einen Schrein, in dem wir wichtige Sachen aufbewahren. Viele Hexen beten auch vor dem Schrein, benutzen ihn aber nicht als Altar. Da der Altar für uns eine große Rolle spielt, stellen oder legen wir nichts darauf, was nicht heilig ist – keine Gläser mit Fruchtsaft, Schulhefte, angeknabberte Kekse, Lippenstifte, Turnschuhe oder Kleidungsstücke. Wir erlauben auch niemandem, mit unserem Altar herumzuspielen oder Gegenstände wegzunehmen. Ich weiß, das ist schwer, wenn du neugierige Eltern, Geschwister oder Freunde hast. Immer wieder beklagen sich bei mir junge Leute darüber, dass ihre Eltern ihren Altar entweiht oder sogar zerstört haben. Leider gibt es Eltern, die das tun, weil sie Angst haben. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken, dass es grausam ist, Bücher zu verbrennen und Dinge wegzuwerfen, die ihren Kindern heilig sind. Manchen Kindern fällt es schwer, den Eltern diese Rücksichtslosigkeit zu verzeihen. Solche Geschichten machen mich traurig. Ich kann verstehen, dass Eltern Fehler machen, weil sie sich – wenn auch ohne Grund – fürchten. Aber warum gibt ihr eigener Glaube ihnen nicht die Kraft, klarer zu sehen? Ein achtzehnjähriges Mädchen sagte zu ihrem wütenden Vater, der ihren Altar und ihre heiligen Dinge in Stücke geschlagen hatte, mit ruhiger Stimme: „Was würdest du von mir denken, wenn ich in deine Kirche ginge und das tun würde, was du hier getan hast?“ Darauf wusste der Vater keine Antwort.
Wenn du Probleme mit Angehörigen hast oder damit rechnest, dann solltest du daran denken, dass dein Altar nicht wie ein Altar aussehen muss. Ich hatte zu Hause jahrelang einen Altar, der einfach wie eine Sammlung interessanter Gegenstände aussah, so dass Leute, die uns besuchten, nichts „Verdächtiges“ sehen konnten. Als mein Glaube stärker wurde und mein Selbstvertrauen wuchs, erzählte ich anderen von meinem positiven Glauben. Heute habe ich keine Schwierigkeiten mehr, obwohl mein Altar für jeden sichtbar ist – für den Postboten ebenso wie für den Bürgermeister. Es dauerte mehrere Jahre, bis ich zu dieser totalen Offenheit bereit war. Auf den Umgang mit anderen Leuten komme ich später noch einmal zurück.
Natürlich gibt es auch Eltern, die von Anfang an aufgeschlossen sind. Sie lesen Bücher über Wicca (zum Beispiel dieses Buch und andere empfehlenswerte Literatur) und erlauben ihren Kindern, die phantastische Welt der Religion und des Geistes zu erforschen. Hunderte von Eltern sind selbst zu Anhängern der Hexenkunst geworden, nachdem sie sich darüber eingehend informiert und sie mit ihren Kindern praktiziert hatten.
Wenn es keinen Streit um den Altar gibt, bauen manche Hexen einen großen Altar aus Stein oder verziertem Holz. Manche haben sogar einen tragbaren Altar, der wie eine lederne Aktentasche aussieht, bevor man ihn auseinander faltet, die Beine herunter klappt und ihn aufstellt. In einigen Gruppen ist es üblich, dass die Hexen ihrem Altar einen festen Platz im Norden (für schamanistische Arbeit) oder im Osten (für Zeremonien) geben oder ihn entsprechend der Jahreszeit umstellen. Manche Hexen haben ihren Altar lieber in der Mitte eines Raumes und gehen um ihn herum, während sie magisch arbeiten. Die ständige Bewegung vermehrt die Energie, die sie erzeugen.
Auch hier gilt, dass du keine Hexe sein musst, um einen Altar zu haben. Jeder Glaube profitiert von einem persönlichen Altar.
Wie könnte dein Altar aussehen? Schauen wir uns einmal die Altäre einiger junger Leute an, die ich kenne.
Alicias Eltern sind sehr tolerant, und nach der Lektüre eines Buches über Wicca hatten sie am Glauben ihrer Tochter nichts auszusetzen. Sie hatten ihr ohnehin beigebracht, über die Grenzen der organisierten Konfessionen hinaus zu schauen, und sie helfen Alicia oft, besondere Gegenstände für ihren Altar zu finden. Alicias Mutter ist Stadtbibliothekarin, ihr Vater ist Professor an einem College. Alicia benutzt die Kommode in ihrem Schlafzimmer als Altar. Sie wohnt an der Küste und liebt alles, was mit dem Meer zu tun hat. Abends lullt die sanfte Brandung sie in den Schlaf, tagsüber hilft sie ihr bei der Meditation. Alicia hat ein Altartuch mit Bildern von Meerjungfrauen, Seepferdchen und Wellen gestickt. Da sie ein Altartuch benutzt, legt sie große, nicht brennbare Fliesen unter die beiden Kerzenhalter, die ebenfalls die Form von Meerjungfrauen haben. Die Kerzen stehen an der hinteren Seite des Altars. Als Symbole für den Osten und das Element Luft suchte Alicia ein paar hübsche Möwenfedern am Strand. Für den Süden und das Feuer wählte sie einen kleinen Kerzenhalter mit kleinen Kerzen. Auf dem Sockel befinden sich Wellenmuster. Den Westen symbolisiert eine Muschelschale, in die sie etwa eine halbe Tasse Wasser gegossen hat. An der Nordseite ihres Altars liegt eine zweite Muschelschale mit einer Vierteltasse Salz. In der Mitte befindet sich ein Pentagramm aus winzigen Muscheln. Alicia brauchte Stunden, um es zu formen, aber sie weiß, dass die Zeit, die sie in ein magisches Objekt investiert, dieses mit Energie lädt, und darum war die Zeit für sie nicht verloren. Manchmal legt Alicia Geschenke auf den Altar, die das Meer ihr gegeben hat, um dem Gott und der Göttin ihre Liebe zu zeigen.
Roberts Eltern praktizieren Wicca und leiten einen großen Zirkel in der Stadt, der für alle offen ist. Die Mutter ist Krankenschwester, der Vater ein leitender Angestellter in einer großen Firma. Robert interessiert sich sehr für Wölfe und findet sie unglaublich mystisch. Er zimmerte einen kleinen Tisch und brannte in die Tischplatte das Bild eines Wolfes ein. In einer feuerfesten Schale verbrennt er Salbei. Hinten auf den Altar hat er ein kleines Hirschgeweih gelegt, das Gott symbolisiert. Auf einem großen Wandteppich hinter dem Altar ist ebenfalls ein Wolf abgebildet, und die Keramikschalen mit Wasser und Salz zeigen Bilder von einer Jägerin und einem Hirsch, die am äußeren Rand tanzen. Die Musik der Wälder hat Robert im Ohr, und er legt oft Steine, Moos und andere Schätze als Opfer für den Geist auf seinen Altar.
Julie muss ihr Zimmer mit ihrer jüngeren Schwester teilen, so dass ihre Privatsphäre eingeschränkt ist. Außerdem hat ihr Vater das Anzünden von Kerzen im Zimmer verboten, weil er befürchtet, dass die jüngere Schwester – ein kleiner Tollpatsch – eine Kerze umstoßen und das ganze Haus anzünden könnte. Julies Vater ist im nahegelegenen Marinestützpunkt angestellt, und ihre Mutter ist Hausfrau. Julies Vater hat nichts gegen ihr Interesse an Wicca einzuwenden, aber ihre Mutter versteht nicht, was sie daran so fasziniert, und sie ist der Meinung, Julie sollte eine gute Katholikin sein. Es gab Spannungen in der Familie, als Julie einen Altar aufstellen wollte. Um die Emotionen zu dämpfen, stellte Julie eine Marienstatue auf den Tisch und benutzt einen Rosenkranz für ihre Riten. Sie geht immer noch zur Messe und spürt die Energie der Göttin, die sich in Maria und den weiblichen Heiligen manifestiert. Natürlich hätte Julie gerne einen normalen Hexenaltar, aber sie weiß, dass ihre Geduld eines Tages belohnt wird, und darum benutzt sie zunächst einmal Dinge, die keine Probleme heraufbeschwören. Sie liebt ihre Mutter und will sie nicht ärgern. Wenn Julies Spiritualität sich weiterentwickelt, wird ihrer Mutter vielleicht klar, dass ihre Tochter sich positiv verändert hat, und sie reagiert aufgeschlossener. In der Zwischenzeit hängt Julie Poster mit Bildern von Göttinnen zwischen Tigern, Einhörnern und mittelalterlichen Burgen auf ihre Seite des Zimmers, und wenn sie meditieren will, wartet sie, bis ihre Schwester eingeschlafen ist, und hört ihre CD mit Kopfhörern. Julie arbeitet gerne mit Nadeln und verwendet winzige Näharbeiten für ihre Magie. Niemand hat es bisher gemerkt. Schalen mit Salz und Wasser kann sie nicht aufstellen, weil ihre kleine Schwester ständig an ihren Sachen herumfummelt, und da ihre Eltern Feuer im Zimmer verboten haben, kann sie auch kein Räucherwerk verbrennen. Statt dessen bringt sie frische Blumen mit oder stellt eine Schale mit duftenden Kräutern auf den Tisch.
Matthias ist künstlerisch begabt. Er zeichnet, malt, töpfert und macht noch vieles andere. Im Herbst will er aufs College gehen und sich auf die schönen Künste spezialisieren. Seine Schwester hat ihr eigenes Zimmer, so dass er seinen Altar ungestört aufstellen kann. Sein Vater lebt nicht bei der Familie, seine Mutter führt ein Lebensmittelgeschäft und hat nichts gegen sein Interesse an Wicca – sie hat sogar einige Bücher darüber gelesen. Aber sein Vater wäre bestimmt wütend, wenn er davon wüsste, und er würde versuchen, das Sorgerecht für ihn und seine Schwester zu bekommen. Seine Eltern kommen nicht gut miteinander aus und Matthias weiß, dass sein Vater nur auf eine Gelegenheit wartet, es seiner Mutter „heimzuzahlen“. Darum hält Matthias sich sehr zurück, wenn sein Vater über Religion spricht (was zum Glück nicht sehr oft vorkommt). Auf den Altar stellt Matthias einige seiner Kunstwerke – Bilder, Keramik und andere Symbole des Geistes. Er mag helle Farben und ausgeklügelte Muster. Wer sein Zimmer betritt, hält den Altar für eine Art Schaukasten.
Tanjas Mutter und Großmutter sind Hexen, und Wicca ist in der Familie Tradition. Sie praktizieren eine Magie, die man volkstümlich nennen könnte. Dabei spielen Haushaltsgegenstände, Gärtnern nach dem Mond, Lieder und magische Sprüche eine Rolle. Tanja ist erst zehn, und darum sehen ihr Altar und ihre Magie natürlich anders aus als die der älteren Kinder. Bei ihren Ritualen stellt sie ihre Stofftiere in die vier Himmelsrichtungen – den Bären in den Norden, das Reh in den Osten, den Stier (den ihr Onkel letzten Sommer aus Spanien mitbrachte) in den Süden und das Pferd (das sie in den Ferien kaufte) in den Westen. In der Mitte steht ein Wolf, den ihre Patentante ihr zum Julfest geschenkt hat (die Tante lebt in der Nähe der Niagara-Fälle). Manchmal bildet Tanja mit allen ihren Stofftieren einen magischen Kreis und stellt sich in die Mitte. Ein andermal zeichnet sie den Kreis mit einer großen Feder auf den Fußboden. Eine Freundin ihrer Mutter hat ein Lederband um den Stiel der Feder gewickelt und daran ein paar hübsche Perlen befestigt. Tanja besitzt auch einen Stock, an dem viele winzige Glocken hängen. Wenn sie anderen Leuten oder dem Geist eine Botschaft senden will, ruft sie das Element Luft an und benutzt diesen Stock. Das ist ein alter Brauch der Druiden, den die Mütter an ihre Töchter weitergaben.
Von ihrem Vater hat Tanja trommeln gelernt, und wenn die Familie einmal im Monat einen Kreis bildet und trommelt, macht Tanja mit. Natürlich darf sie nicht trommeln, wenn ihr kleiner Bruder schläft. Aber ihre Mutter hat ihr erlaubt, die Rassel zu benutzen, die sie selbst gemacht hat. Sie musste nur versprechen, die Rassel nicht vor dem Zimmer ihres Bruders zu schütteln. Es war einfach, die Rassel zu machen. Tanja nahm zwei Schalen aus Papier und legte eine Handvoll getrocknete Bohnen in eine von ihnen. Dann klebte ihre Mutter die beiden Schalen zusammen, und Tanja verzierte sie mit Buntstiften. Sie hat eine magische Rassel für Liebe, eine für Heilung und eine für ihren Schutz.
Tanjas Altar steht in der Ecke des Wohnzimmers gegenüber dem Familienaltar. Sie legte einen großen, flachen Stein aus dem Garten auf einen Hocker, den ihre große Schwester im Werkunterricht gemacht hatte. Auf den Altar legt sie Dinge, die sie mag. Sie arbeitet gerne mit Ton, und jedes Mal, wenn sie mit einem Kunstwerk fertig ist, stellt sie es auf den Altar. Über dem Altar hängt ein Bild einer hübschen Frau, das sie aus der Modezeitschrift ihrer Mutter ausgeschnitten hat. So stellt sie sich die Göttin vor. Wenn Oma ihr zwei Bonbons gibt, isst Tanja eines und legt das andere als Geschenk für die Göttin auf ihren Altar. Manchmal lässt sie ein Stückchen Kuchen übrig und opfert es Gott. Wie es in der Familie Brauch ist, legt sie auch drei Pfennige auf den Altar, weil aller Reichtum vom Gott und von der Göttin kommt, und am Erntedankfest kommen sechs Maiskörner hinzu, weil Geist den Menschen Nahrung gibt. Sie bittet den Gott und die Göttin, ihrer Familie durch den kommenden Winter zu helfen. Von Tanja können wir lernen, dass wir jeden Feiertag und sogar jeden Tag der Woche zu einem ganz besonderen, heiligen Tag machen können.
Jetzt habe ich dir fünf verschiedene Altäre beschrieben, die Jugendliche oder Kinder gestaltet haben, und einige Angaben über die Reaktion der Familie hinzugefügt. Ich hoffe, du hast daraus ein paar Ideen für deinen eigenen Altar geschöpft.
In dieses Kapitel habe ich eine Menge Informationen gestopft! Aber wenn du dich eines Tages entschließen solltest, Wicca zu deiner Religion zu machen und eine aktive Hexe zu werden, kannst du hier nachschlagen, was wichtig ist.