Die Hexenverfolgung
Eigentlich wollte ich nichts über die Hexenverfolgung schreiben. Aber ich habe dir ja die Wahrheit versprochen. Ob du es glaubst oder nicht, seit es Menschen auf der Welt gibt, hat es immer Magie gegeben, und einige Menschen hat der Große Geist auserwählt, diese Magie zu praktizieren. Jeder, der lange und hart arbeitet, kann Magie studieren und ausüben. Unser freier Wille macht uns einzigartig, aber im Streben nach Unabhängigkeit richten manche Menschen ihren Willen auf das Negative. Kriege, Verbrechen, Hass – die Liste der negativen „Errungenschaften“ der Menschen ist erstaunlich lang.
Das Böse ist kein seltsames Tier, das sich die Tatzen reibt, wenn es uns übel mitspielen kann. Wir suchen das Böse gerne woanders, aber ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen es selbst hervorbringen und zu feige sind, die Verantwortung für die Produkte unserer Köpfe, Herzen und Hände zu übernehmen. Es ist eben leichter, die Schuld einem mythischen Wesen zuzuschieben, als Irrtümer einzugestehen.
Im Frühmittelalter (etwa 476 – 1000 n. Chr.) versuchte die Kirche, Heiden und Hexen auszurotten, um Macht und Reichtum anzuhäufen: Sie entwickelte einen „Marketingplan“, um das Christentum gut zu verkaufen und benutzte wie die heutigen Politiker verschiedene Taktiken, um ihr Produkt an den Mann und an die Frau zu bringen – unter anderem Angst, Folter und falsche Informationen. Damals übernahm die Kirche viele Sitten und Gebräuche des Landvolkes (z. B. Christbäume, Wasserspeier zum Schutz von Kirchen und den Osterhasen), damit die Menschen, die sie einer Gehirnwäsche unterzog, zufrieden waren. Die Kirche machte sogar Heilige aus heidnischen Göttern und Göttinnen, etwa die „heilige Brigitta“.
Gelang es der Kirche nicht, die Menschen von ihrem heidnischen Glauben abzubringen, griff sie zu härteren Mitteln. Historiker schätzen, dass im Frühmittelalter über zwei Millionen Menschen von Hexenjägern umgebracht wurden.
Im 8. Jahrhundert erklärte ein kirchliches Dokument mit dem Titel Canon Episcopi die Hexen für Hirngespinste. Gleichzeitig schuf die Kirche jedoch eine tödliche Waffe: die Inquisition. Deren Anführer ignorierten dieses Dokument und begannen in ihrem Wahn, unschuldige Menschen in ganz Europa zu verfolgen. Sie verübten ihr blutiges Handwerk mit dem Segen der Kirche, vor allem vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. Als diese frommen Fanatiker ihr Werk beendet hatten, war die weibliche Bevölkerung erheblich geschrumpft und es gab kaum noch weise Frauen, Hebammen und Heilerinnen. Damals fälschten die Kirchenführer auch einen Satz der Bibel. Aus „Du sollst keinen Giftmischer leben lassen“ wurde „Du sollst keine Hexe leben lassen“. Die Männer der Inquisition herrschten mit eiserner Faust und missachteten sogar viele Gebote der Bibel, um ihre finsteren Absichten durchzusetzen und sich von jeder Verantwortung zu befreien.
Im 18. Jahrhundert begann dieser Irrsinn, der den Menschen in Europa das Leben zur Hölle gemacht hatte, sich zu legen. Viele Historiker bezeichnen diese Periode als „Zeitalter der Aufklärung“, denn die Menschen fingen an, darüber nachzudenken, was um sie herum vorging, anstatt alles stillschweigend über sich ergehen zu lassen. Seit 1736 wird die Hexenkunst in England und Schottland nicht mehr mit dem Tode bestraft. Im Jahr 1722 wurde in Großbritannien zum letzten Mal eine Hexe verbrannt, nämlich Janet Horne in Schottland. Aber noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Frauen verdächtigt, Hexen zu sein, und einige Male dafür verbrannt oder gehängt.
1953 hob die englische Regierung das letzte Gesetz gegen die Hexerei auf. Seitdem ist die Hexenkunst in diesem Land keine Straftat mehr. Wir Hexen in den USA haben Glück, weil uns die Verfassung schützt – angeblich.
Soll das heißen, dass die Hexenverfolgung nur eine Angelegenheit der finsteren Vergangenheit ist? Leider nicht. Zwar ist den meisten Menschen klar, dass Hexen niemandem etwas zuleide tun, aber böse Gerüchte werden immer noch verbreitet. Manche Kirchenvertreter wollen einfach nicht begreifen, dass wir nichts Schlimmes tun, und viele Leute in den Medien versuchen nach wie vor, ihren Marktanteil mit erfundenen Sensationsgeschichten zu erhöhen.