Wicca und Religion
Wenn jemand mich fragt: „Was ist Wicca?“, kommen mir tausend wundervolle Dinge in den Sinn. Aber wer diese Frage stellt, erwartet in der Regel eine kurze Antwort. Obwohl ich stundenlang darüber referieren könnte, was Hexenkunst ist und was sie nicht ist, lautet meine knappste Antwort: Die Hexenkunst ist eine lebensbejahende Philosophie, die moralischen Regeln folgt, die Natur bejaht und sich bemüht, Harmonie unter den Menschen zu schaffen und ihr eigenes Selbst und das Selbst anderer spirituell zu stärken. Denke einmal darüber nach. Diese Erklärung könnte fast jede positive Religion unterschreiben, oder nicht? Hexen gehen meist ihren eigenen Weg und mischen sich nicht unter die Menge, nur weil irgendjemand es erwartet. Hexen sind für Individualismus, Gedankenfreiheit und eine enge Bindung an die Umwelt mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen. Wir reden mit Bächen, dem Himmel, dem Feuer, Bäumen, Tieren und Steinen, so wie die Indianer. Wir halten alles auf Erden für eine Form des Göttlichen.
Auf der Konferenz der Hexen im Frühjahr 1974 in Minneapolis verabschiedete der Rat der amerikanischen Hexen eine Erklärung mit dem Titel „Wicca-Prinzipien“. Damit wollte er die Öffentlichkeit und neue Anhänger über die wichtigsten Grundsätze von Wicca (der Hexenkunst) informieren. Dieses Dokument gibt einen Überblick über die Hexengesetze, beschreibt aber nicht die vielen Nuancen, die es in jeder Bewegung gibt, die viel Zeit hatte, um zu wachsen und sich zu verändern. Trotzdem sind die Wicca-Prinzipien eine gute, vereinfachte Beschreibung unserer Philosophie.
Leider hat der Hexenrat sich noch im selben Jahr aufgelöst; aber das bedeutet nicht, dass seine Bemühungen keine Früchte getragen hätten – ganz im Gegenteil! 1994, also zwanzig Jahre später, schrieb Wicca Geschichte, als einige Mitglieder – darunter Selena Fox vom „Zirkel des Heiligtums“ und Angehörige des „Bundes der Göttin“ – an einer Konferenz des Weltparlaments der Religionen in Chicago teilnahmen. Dank ihres großen Einsatzes erhielt ein sogenannter Modekult einen Platz unter den Religionen der Welt.
Die Prinzipien, die der Rat der amerikanischen Hexen verabschiedete, lauten:
1. Wir praktizieren Riten, um uns auf den natürlichen Rhythmus des Lebens einzustimmen – auf die Mondphasen, die Jahreszeiten und die Himmelsrichtungen.
Einfach gesagt: Hexen verehren Gott durch Rituale. Ein Ritus ist ein Teil eines Rituals. Die meisten unserer Feste finden an bestimmten Tagen des Jahres statt; manche richten sich nach den Mondphasen, andere nach der Jahreszeit. Anstatt Versammlungshäuser zu bauen, die meist leer stehen würden, treffen Hexen sich oft zu Hause und zelebrieren dort gemeinsam ihre Rituale.
2. Wir erkennen die besondere Verantwortung an, die wir aufgrund unserer menschlichen Intelligenz gegenüber der Umwelt haben. Wir bemühen uns, in Harmonie und im ökologischen Gleichgewicht mit der Natur zu leben und dadurch als Teil der Evolution Erfüllung im Leben zu finden.
Einfach gesagt: Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Da wir am Ende der Nahrungskette stehen (zumindest die meisten von uns), müssen wir dafür sorgen, dass unser Planet nicht zum Müllplatz wird. Wir können die Erde und alle ihre Geschöpfe am besten schützen, wenn wir in Harmonie mit Vögeln, Bienen und anderen Tieren leben. Das heißt, wir müssen uns immer überlegen, welche ökologischen Folgen unser Tun hat.
3. Wir erkennen eine Macht an, die viel größer ist, als es den meisten Menschen bewusst ist. Manche bezeichnen diese Macht als „über“natürlich, aber wir glauben, dass sie ein Teil unseres natürlichen Potenzials ist.
Einfach ausgedrückt: Seit Jahrhunderten unterdrücken die Menschen viele ihrer natürlichen Talente. Die Macht des Geistes ist wahrhaft unglaublich. Hast du gewusst, dass wir einen großen Teil unseres Gehirns nicht benutzen? Wir sind faul geworden und tun nur noch, was wir für notwendig halten. Aber dieser ungenutzte Teil des Geistes hat erstaunliche Fähigkeiten: Hellsehen, Hellhören, Telekinese, außersinnliche Wahrnehmung (ASW), raumzeitlich unbegrenztes Sehen und einiges mehr. Jeder hat diese Gaben, aber die meisten nutzen sie nicht oder haben sogar Angst davor. Hexen und andere erleuchtete Seelen bemühen sich, diese natürlichen Fähigkeiten zu fördern. In den Augen der Hexe sind alle Wesen und Dinge gleich.
4. Wir glauben, dass die schöpferische Kraft des Universums sich durch Polarität – durch das Männliche und das Weibliche – ausdrückt, in allen Menschen wohnt und durch Interaktionen zwischen dem Männlichen und Weiblichen wirkt. Wir stellen keine dieser Kräfte über die andere, weil wir wissen, dass beide einander ergänzen. Sexualität ist für uns Freude, ein Symbol und die Verkörperung des Lebens.
Einfach ausgedrückt: Auch Hexen glauben an Gott. Für uns hat Gott aber zwei Seiten, eine männliche und eine weibliche. Hexen respektieren Männer und Frauen sowie die männliche und weibliche Seite aller Dinge gleichermaßen. Männer sind nicht besser als Frauen, und Frauen sind nicht besser als Männer. Hexen halten Sexualität nicht für böse, aber wir sind der Meinung, dass sie große Verantwortung mit sich bringt.
5. Wir erkennen eine äußere und eine innere Welt an. Die innere wird bisweilen spirituelle Welt, kollektives Unbewusstes, innere Ebene usw. genannt. Im Zusammenwirken dieser beiden Dimensionen sehen wir die Grundlage für übernatürliche Phänomene und magische Übungen. Wir vernachlässigen keine der beiden Welten, weil wir beide brauchen, um Erfüllung zu finden.
Einfach gesagt: Wir wissen, dass es in der Welt sichtbare und unsichtbare Energien gibt. Wir halten die Welt des Geistes für ebenso wichtig wie die Umwelt. Das kollektive Unbewusste ist die magische Verbindung zwischen Menschen, Tieren, Insekten, Pflanzen und dem Großen Geist. Die Kräfte des Geistes nennen wir „innere Ebenen“. Hexen sind der Meinung, dass übernatürliche Phänomene und magische Übungen im Geist beginnen und sich in der äußeren Welt ausdrücken. Darum achten wir auf das, was wir denken und was wir tun. Wenn wir denken, erschaffen wir etwas.
6. Wir erkennen keine autoritäre Hierarchie an, aber wir respektieren Menschen, die ihr Wissen und ihre Weisheit mit anderen teilen und mutig Führungsaufgaben übernehmen.
Einfach ausgedrückt: Wir brauchen keine Leitung, die uns vorschreibt, was wir tun oder lassen sollen. Wir haben Lehrer und Lehrerinnen und Führungspersönlichkeiten, die wir ehren, weil sie weise sind und Zeit für Wicca opfern. Jede unserer Gruppen verwaltet sich selbst.
7. Wir betrachten Religion, Magie und Lebensweisheit als Einheit. Diese Weltanschauung und Lebensphilosophie nennen wir „Wicca“ oder „Hexenkunst“.
Einfach gesagt: Wir Hexen glauben, dass die Religion, die Kräfte des Geistes, Magie, Weisheit und der Glaube an den Großen Geist untrennbar sind. Wir sind aufgeschlossen gegenüber allem, was in der Welt vorgeht.
8. Um eine Hexe zu sein, genügt es nicht, sich so zu nennen. Auch Herkunft, Titel und Initiationen reichen nicht aus. Eine Hexe versucht, die Kräfte in ihrem Inneren zu beherrschen, um gut und weise und im Einklang mit der Natur zu leben und anderen nicht zu schaden.
Einfach gesagt: Du wirst nicht zur Hexe, wenn du dieses Buch liest und allen Leuten erzählst, dass du von jetzt an eine Hexe bist. Echte Hexen schleppen auch nicht pfundweise Schmuck mit sich herum, tragen keine schwarzen Kleider und „verwünschen“ niemanden. Es genügt auch nicht, wenn du dich einem Zirkel anschließt und dich initiieren lässt. Entscheidend ist vielmehr, wie du lebst, wie du mit anderen umgehst und wie du die Wicca-Prinzipien im täglichen Leben anwendest.
9. Wir glauben, dass das Universum, wie wir es kennen, einen Sinn hat und dass auch unsere Aufgabe in diesem Kosmos sinnvoll ist, wenn wir erfüllt leben, unsere Evolution fortsetzen und unser Bewusstsein weiterentwickeln.
Einfach ausgedrückt: Hexen respektieren alles, was lebt – Käfer, Gras, Bäume, Tiger und den unfreundlichen Mann am anderen Ende der Straße. Alle müssen leben und sich weiterentwickeln.
10. Unsere einzige Kritik an anderen Religionen und Lebensphilosophien lautet: Die meisten behaupten, als einzige die Wahrheit und den Weg zu kennen; sie lassen anderen nicht ihre Freiheit; und sie unterdrücken andere Glaubenssysteme.
Einfach ausgedrückt: Wir Hexen haben die Nase voll von Leuten, die uns verurteilen und Lügen über uns verbreiten. Sie sind entweder unsicher in ihrem eigenen Glauben oder begreifen nicht, dass viele Wege zu Gott führen. Diese unerleuchteten Menschen glauben, es sei besser, uns zu schmähen, als für Glaubensfreiheit einzutreten. Hexen hassen Christen, Juden oder Moslems nicht. Aber wenn sie versuchen, uns durch Lügen, Klatsch oder körperliche Gewalt zu schaden, wehren wir uns.
11. Als Hexen fühlen wir uns nicht von Debatten über die Geschichte der Hexerei, den Ursprung bestimmter Begriffe und die Legitimität verschiedener Traditionen bedroht. Wir selbst befassen uns aber mit unserer Gegenwart und unserer Zukunft.
Einfach gesagt: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Hexenkunst zu praktizieren, und keine ist die einzig Richtige. Entscheidend ist, was du daraus machst.
12. Wir glauben nicht an das „absolute Böse“ und wir verehren nicht den „Satan“ oder „Teufel“, wie das Christentum ihn definiert. Wir streben nicht nach Macht durch das Leiden anderer und wollen anderen nichts vorenthalten, um davon zu profitieren.
Einfach gesagt: Wir beten weder den Teufel an, noch glauben wir an den Satan. Wer dem Bösen einen Namen gibt, der gibt ihm Macht. Hexen arbeiten nicht mit dem Bösen und glauben nicht, dass sie mächtig werden, wenn sie andere verletzen, bedrohen oder töten.
13. Wir arbeiten innerhalb der Naturgesetze für das, was unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden fördert. Wir fühlen uns nicht an Traditionen aus anderen Zeiten und Kulturen gebunden und fühlen uns keiner Person oder Macht verpflichtet, die größer ist als das Göttliche, das sich durch uns selbst ausdrückt. Als Hexen respektieren wir alle Lehren und Überlieferungen, die das Leben bejahen. Wir wollen von ihnen lernen und unser Wissen mit ihnen teilen. Wir lassen es nicht zu, dass Wicca durch Menschen zerstört wird, die gegen unsere Prinzipien verstoßen und nur nach persönlicher Macht streben. Dagegen sind uns alle Menschen willkommen, die ein aufrichtiges Interesse an unserem Wissen und unseren Überzeugungen haben, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit, Kultur oder sexueller Orientierung.
Einfach gesagt: Hexen arbeiten mit der Natur, nicht gegen sie. Wir glauben, dass Gott die höchste Macht ist und dass kein Mensch und keine Gruppe von Menschen mächtiger ist. Wir respektieren alle Religionen und das Recht jedes Menschen, einen positiven Glauben zu praktizieren. Wir offenbaren unsere Geheimnisse nicht den Narren und schließen alle aus, die sich selbst zerstören wollen oder anderen schaden. Darum prüfen die meisten Wicca-Gruppen jeden gründlich, der Mitglied werden möchte.
Die Anhänger von Wicca halten sich im Privatleben und in der Gruppe an bestimmte Regeln, die man in drei Gruppen einteilen kann: spirituelle Regeln, praktische Regeln und Regeln des Zirkels. Bei den spirituellen Regeln geht es um Ethik und Moral, um Richtlinien für das spirituelle Leben einer Hexe, einerlei, ob sie einer Gruppe angehört oder nicht. Diese Regeln gelten für alle, die magisch wirken.
Die praktischen Regeln sind die Früchte der Erfahrung jener Leute, die sich der Hexenkunst schon länger widmen. Darum gelten nicht alle praktischen Regeln für alle Mitglieder – es handelt sich nur um Wegweiser.
Die Regeln des Hexenzirkels haben etwas mit der Gruppenhierarchie zu tun und gelten meist nicht für Hexen, die allein tätig sind. Das heißt aber nicht, dass diese Hexen sämtliche praktischen Regeln ignorieren sollen. Es gibt Regeln für Wicca im allgemeinen und Regeln für einzelne Gruppen oder Zirkel. Letztere dürfen den allgemeinen Regeln nicht widersprechen, sondern sollen die Bewegung stärken und die Harmonie unter den Mitgliedern fördern.
Dank der dreizehn Prinzipien und der spezielleren Regeln können die Hexen der neuen Generation einer Organisation angehören, die gar keinen organisierten Eindruck macht. Das ist der Zauber und das Mysterium der Hexenkunst.