Wicca – was es ist und

was es nicht ist

 

 

 

Wir schlagen Feuer seit zehntausend Jahren

und singen der Schöpfung Melodie.

Wir preisen die Sterne seit uralten Zeiten,

begleitet von unsrer Magie.

Der menschliche Geist, ein zeitloser Tänzer,

schuf Tarots und Runen der Macht

und holt, mit ihnen verbündet,

den Mond vom Himmel bei Nacht!

David O. Norris, 1994

 

 

 

Die Jahre zwischen der Pubertät und dem Erwachsenenalter sind aufregend und schwierig zugleich. Als ich so jung war, wie du nun bist, folgte ein Sturm dem anderen: Wenn ich heute himmelhoch jauchzte, war ich morgen zu Tode betrübt – oder umgekehrt. Heute beobachte ich, wie meine vier Kinder die gleichen Erfahrungen machen. Es ist hart. Lass dir von niemandem das Gegenteil einreden.

Als junges Mädchen hast du manchmal das Gefühl, dass außer deinen Freundinnen niemand für dich da ist. Wenn die Eltern deine Freundinnen nicht mögen, gleicht die ganze Welt einem Pudding, der zu lange in der warmen Küche gestanden hat und zu einem hässlichen Brei zerläuft. Noch schlimmer ist es, wenn deine Freundinnen dich schlecht behandeln – aber du hältst dennoch an ihnen fest, weil du glaubst, dass du außer ihnen nichts hast.

Gut, deine beste Freundin hat ein Nasenpiercing – ziemlich groß – na und? Auf diese Weise drückt sie sich selbst aus! Und was ist mit all den anderen Leuten? Die sind ganz offensichtlich nicht das, wofür du sie noch vor kurzem gehalten hast.

Irgendwann bist du fest davon überzeugt, dass du immer recht hast und dass alle anderen im Unrecht sind. Du glaubst, dass deine Eltern von einem anderen Planeten stammen und bestimmt nie jung waren – sie sind völlig erwachsen vom Mars zur Erde gekommen, wo sie geheiratet haben (oder auch nicht). Wie bist du eigentlich ein Mitglied dieser Familie geworden? Vielleicht hat man dich nach der Geburt in der Klinik vertauscht oder du warst ein Findelkind, das deine Eltern mit nach Hause genommen haben, ohne jemandem ein Wort zu sagen. Möglicherweise leben deine wahren Eltern ganz woanders in einer Villa mit Schwimmbecken, mit Dienern und Bergen von Hamburgern. Natürlich weinen sie viele Tränen um ihre verlorene Prinzessin!

Du bringst dein Zeugnis nach Hause und deine Eltern verdonnern dich zu hartem Pauken bis zum Ende des Schuljahres. Das Leben ist nicht mehr lebenswert. Du überlegst ernsthaft, deinen Rucksack mit Schokoriegeln, Pizzas und Diätcola zu füllen und dich bei einer Freundin im Keller zu verstecken. Um dich zu rächen, schneidest du deine langen Haare ab. Du weinst stundenlang, weil du jetzt aussiehst, als seien dir die Haare in einen Mixer geraten. Du bleibst die ganze Nacht auf und schreibst ein Gedicht, das mit den Worten „Vier Wände starr ich schweigend an“ beginnt und in jeder Zeile deinen Gram verkündet.

An manchen Tagen versteckst du dich in deinem Zimmer, wann immer es möglich ist, und lässt dir das Gehirn mit der neusten Musik-CD durchblasen. Kann sein, dass du davon taub wirst – aber vielleicht versteht dich die Welt dann endlich. Du bist am Boden zerstört, weil die Jungs, denen du schöne Augen machst, in eine andere Richtung schauen oder weil dein erster Freund immer nur das eine will und du es ihm nicht geben kannst, weil deine Eltern dich dann ins Kloster stecken würden, und zwar in eines mit Folterkammer.

Es kann auch vorkommen, dass deine beste Freundin dir deinen Freund ausspannt, weil deine Eltern dich nicht zu einer heißen Fete gehen lassen. Oder dass du vier Tage lang weinend am Telefon sitzt, weil er dich nicht anruft, obwohl er es versprochen hat. Oder dass er dich sitzen lässt und den ganzen Abend mit dieser Ziege tanzt, die einen Haufen Geld hat. Erinnerst du dich an die Party, auf der sich alle betranken? Das war natürlich nicht richtig, und darum konntest du deine Eltern nicht anrufen, damit sie dich abholten, und musstest zu Fuß nach Hause gehen. Und dann dein erster Job! Alle, die schon länger in der Firma waren – selbst die Azubis – haben dich rumkommandiert und auf den Arm genommen. Das war wirklich heftig.

Regeln zu Hause, Regeln in der Schule, Regeln am Arbeitsplatz. Und du fragst dich: Warum passiert das alles mir? Warum kann das Leben nicht besser sein? Warum versteht mich niemand? Warum hört mir keiner zu? Womit habe ich das verdient? Dann stöberst du irgendwie, irgendwo dieses Buch auf und fragst dich: Kann die Hexerei mir helfen?

Meine Antwort lautet: Ja, aber vergiss nicht, dass jede positive Religion (Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und andere) dir die Stütze sein können, die du in dieser Lebensphase brauchst. Jugendliche greifen oft zur Magie, weil ihre Religion ihnen übermächtig, protzig und fremd vorkommt – und weil das Hexen den Eltern nicht gefällt. Die Hexenkunst ist so ganz anders, und gerade das macht sie verlockend. Aber du wirst bald merken, dass Wicca sich gar nicht so sehr von der Spiritualität unterscheidet, die du bereits kennst.

In diesem ersten Kapitel werden wir uns über die vielen falschen Vorstellungen unterhalten, die Jugendliche und Erwachsene von der Hexenkunst haben. Sobald wir die geklärt haben, können wir zusammen viel Spaß haben.

Ich befinde mich zur Zeit in einem Konferenzzentrum und soll in einigen Minuten einen Vortrag mit dem Titel Das magische Leben halten. Mir ist klar, dass dies vor zwanzig Jahren unmöglich gewesen wäre. Man hätte einer Frau nicht erlaubt, in einem großen, modernen Gebäude gegenüber dem Regierungssitz des Staates Michigan vor einem großen Publikum über Hexenkunst zu sprechen. Und wenn ich den Saal betrete und die vielen grinsenden Gesichter sehe, wird mir auch klar, dass wir Hexen noch einen weiten Weg vor uns haben. Wir dürfen zwar hier in Michigan reden, aber in anderen Bundesstaaten der USA sind ungebildete, unerleuchtete Menschen der Meinung, dass Hexen böse sind, und darum tun diese armen, unglücklichen Seelen alles, was in ihrer Macht steht, um uns zu diskriminieren. Jahrhunderte lang haben Menschen, die nichts über Magie wussten, Hexen zu mythischen Bestien aller Art abgestempelt und die Öffentlichkeit schamlos belogen. Nun, ich bin eine Hexe und ich habe die Nase voll. Ich benutze meine magischen Kräfte (die Macht des geschriebenen Wortes), um diese Lügengeschichten zu entlarven.

Dieses Buch, das für Heranwachsende geschrieben wurde, ist eine Zutat im Kessel meiner unaufhörlichen Bemühungen, gegen Diskriminierung zu kämpfen und den Menschen zu zeigen, dass die Hexenkunst uns allen helfen kann, besser zu leben und besser zu werden, wenn wir es wollen. Eines Tages möchte ich durch die Flure jedes Gebäudes in den Vereinigten Staaten gehen können und wissen, dass Hexen nicht mehr missverstanden werden.

 

 

 

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