Heilung

 

 

 

Um mich entfalte dich,

heile und halte mich.

Breid FoxSong

 

 

 

Als ich ein Kind war, ließen meine Verwandten sich von einem „Medizinmann“ behandeln, der mit Worten und Gesten Krankheiten verbannte und den Körper mit Symbolen schützte und heilte. Natürlich glaubte meine Familie auch an Gottheiten, hausgemachte Arzneien und magische Sprüche. Sie galten als überaus religiöse, hart arbeitende und etwas knauserige Leute, die sich um das Wohl anderer oft mehr Sorgen machten als um das ihre. „Hexerei“ waren für sie Segenssprüche und gute Taten. Bevor meine Vorfahren das Christentum annahmen, praktizierten sie in Deutschland die Hexenkunst und waren bekannte Heiler.

Auch heute noch zeichnen Hexen sich auf diesem Gebiet besonders aus – vielleicht deshalb, weil wir uns intensiver mit den Heilkräften beschäftigen als alle anderen. Wir versuchen seit langem, Ärzte von der Wirksamkeit unserer alternativen Heilverfahren zu überzeugen, aber alte Vorurteile sterben nur langsam aus. Immerhin findet jetzt, während ich dieses Buch schreibe, eine Konferenz statt, auf der einige bekannte Ärzte mit Vertretern verschiedener Religionen darüber reden, welche Wirkung Glaube und Gebet auf die Gesundheit und auf die Genesung haben.

Hexen arbeiten mit Kräutern, Ölen, Hypnose und Handauflegen (um nur einige Methoden zu nennen) und natürlich mit Magie. Außerdem beraten wir Freunde und Angehörige, um ihr Selbstvertrauen zu stärken und seelische Probleme zu lösen.

Hast du gewusst, dass du auf einen Menschen, den du berührst, heilende Energie überträgst? Wenn eine Mutter ihr krankes Kind wiegt, überträgt sie instinktiv ihre Energie auf das Kleine. Eine Mutter, die sich dessen bewusst ist, kann diese Energie bündeln und dem Kind helfen, schneller gesund zu werden. Wenn du deine weinende Freundin umarmst, strömt ebenfalls heilende Energie von dir zu ihr. Die einfachsten liebevollen Gesten enthalten also mehr Energie, als du ahnst!

Bei keinem der heilenden Rituale in diesem Buch musst du etwas einnehmen. Es gibt eine Menge Bücher über Heilkräuter und alternative Medizin, in denen du mehr zu diesem Thema findest.

 

Hexenregeln zum Heilen

 

1. Liebe ist die Quelle jeder Heilung. Dein Wunsch, dass Liebe einen Menschen oder ein Tier heilen möge, ist wichtiger als jedes Ritual.

2. Bevor du Magie für einen anderen Menschen praktizierst, musst du ihn normalerweise um Erlaubnis fragen. Die heilende Magie ist eine Ausnahme: Du kannst Geist um Hilfe bitten und dann magisch arbeiten, auch ohne dass der Kranke es weiß. Die Bitte lautet:

„Großer Geist, hilf mir, X (Name des Kranken) zu heilen. Wenn du willst, dass er/sie die heilende Energie empfängt, dann führe meine Gedanken und Worte. Wenn du anders entschieden hast, dann gib die Energie einem anderen, der sie braucht. Dein Wille geschehe.“

3. Du darfst auch jederzeit für andere beten, mit oder ohne ihre Erlaubnis.

4. Verlasse dich nicht allein auf Magie, wenn du krank bist. Gehe zum Arzt oder Heilpraktiker und befolge seine Anweisungen. Bei schweren Krankheiten solltest du immer die Meinung eines zweiten Mediziners (aus einer anderen Stadt) einholen. Gib diesen Rat auch kranken Freunden und Angehörigen.

Eines Nachmittags stieg meine jüngere Tochter aus dem Schulbus und kam ins Haus, die Stirn in Falten gelegt. Als ich sie fragte, was los sei, behauptete sie: „Nichts“. Das ist typisch für sie. Sie grübelt erst einige Zeit und platzt dann mit ihren Sorgen heraus. An diesem Tag musste ich bis nach dem Abendessen warten.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, begann sie. Ich saß am Computer und arbeitete an einem Buch (woran sonst?), sie saß im Schneidersitz vor dem Fernseher.

„Worum geht es denn?“ fragte ich, noch ein wenig zerstreut, starrte auf den Monitor und überlegte, ob der letzte Satz verständlich war.

„Da ist so ein Mädchen in der Schule“, sagte sie leise. „Ich glaube, es geht ihr gar nicht gut. Aber ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann.“

Ich drehte mich zu ihr um und lehnte mich zurück. „Das möchte ich schon genauer wissen“ (ich bin im Sternbild Jungfrau geboren und brauche immer sämtliche Einzelheiten).

Lynn spielte eine Weile mit ihrem Haar, dann sagte sie: „Sie verletzt sich selbst. Sie hat es mir vorhin im Bus gezeigt und dabei gelacht. Sie hat überall Schnittwunden und ist sogar stolz darauf. Das ist doch irre! Wenn ich es jemandem sage, bin ich eine Petze und sie ist böse auf mich.“

Das musste ich erst einmal verdauen. Schließlich fragte ich: „Wenn sie es geheim halten will, warum hat sie es dir gezeigt?“

Lynn rieb sich die Stirn. „Weiß ich nicht, aber es wäre mir lieber, sie hätte es nicht getan. Was soll ich jetzt tun?“

„Wenn Menschen sich selbst schaden, können sie nicht klar denken. Ich glaube, sie hat es dir gezeigt, weil sie insgeheim Hilfe sucht. Weiß es sonst noch jemand?“

„Ja, zwei meiner Freundinnen.“

„Und was halten sie davon?“

„Sie sagen, sie ist verrückt und braucht Hilfe, aber sie wissen auch nicht, was sie tun sollen.“

„Siehst du, sie will, dass jemand ihr hilft“, sagte ich. „Soll ich morgen in der Schule anrufen?“ Ein vernichtender Blick traf mich!

Sie pickte einen Brezelkrümel vom Fußboden auf und sagte: „Nein, das mache ich lieber selbst. Vielleicht gehen meine Freundinnen mit.“

„Und wenn nicht?“

Sie seufzte und hob den Kopf. „Dann gehe ich trotzdem!“

„Wenn du meinen Rat brauchst, fragst du mich, ja?“

„Okay.“

 

Am nächsten Tag ging Lynn mit ihren Freundinnen zum Schulpsychologen und das Mädchen bekam die Hilfe, die sie brauchte. O ja, sie war ein paar Tage lang wütend auf die drei, aber nach einiger Zeit dankte sie ihnen für ihre Hilfe. Solche Situationen kommen vor, einerlei ob du jung oder alt bist. Oft bist du nicht dafür verantwortlich und steckst doch mittendrin. Geist schickt uns dorthin, wo wir am meisten gebraucht werden. Die drei Mädchen hatten nicht die Aufgabe, das Problem zu lösen – sie mussten nur dafür sorgen, dass ihrer Mitschülerin geholfen wurde. Wir müssen oft mit uns selbst kämpfen, damit wir nicht das Einfachste, sondern das Richtige tun. Das ist meist schwerer, aber letztlich lohnt es sich.

Das Mädchen, das sich selbst verletzte, wollte meine Tochter nur zur Mitwisserin machen. Sie sollte wissen, dass die Schulkameradin ein Problem hatte (das hätten auch Drogen, Alkohol usw. sein können), und Mitgefühl zeigen – aber ohne einzugreifen. Hätte meine Tochter geschwiegen, wäre das eine Art Zustimmung gewesen. Mitwisser sitzen da und schauen zu, wie andere kaputtgehen – weil sie Angst haben, sich nicht einmischen wollen oder die Behandlung für unangenehmer als das Problem halten. Manchmal werden Mitwisser ebenfalls ins Unglück verwickelt. Zum Glück sprang meine Tochter über ihren Schatten und suchte Hilfe. Das kannst du auch tun!

5. Die letzte Regel des magischen Heilens lautet: Gib nicht auf. Arbeite weiter. Meine Familie hat einen alten Leitspruch: „Du bist nicht an einem Tag krank geworden, und du wirst nicht an einem Tag gesund.“ Heilende Magie muss man wiederholen, bis sie Erfolg hat. Ich habe zwar viele kleine und große Erfolge zu verzeichnen, aber zwei werde ich nie vergessen. Einmal wurde Jane von einem Tumor, ein andermal wurde Patrick von AIDS geheilt. In beiden Fällen arbeitete mein Hexenzirkel sehr hart, und es ist ein schönes Gefühl, dass wir möglicherweise etwas bewirkten – zumindest haben wir diesen beiden Menschen unsere liebevolle Energie gesandt. Mache dir aber keine Vorwürfe, wenn deine Magie misslingt. Wenn dein Großvater krank ist und trotz deiner Bemühungen diese Welt verlässt und in die andere geht, liegt es nicht daran, dass du etwas falsch gemacht hast. Geist ruft uns zu sich, wenn unsere Zeit gekommen ist. Vielleicht hat deine Magie deinem Großvater den Übergang leichter gemacht.

 

 

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